Politik & Aktuelles

Sexueller Missbrauch im Sport – Schluss mit der Hilflosigkeit!

22. Juli 2019

Doppelt soviele Fälle wie bei den Kirchen?

200.000 Betroffene im Breitensport und 114.000 jeweils in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche: Eine bisher unveröffentlichte Studie der Uniklinik Ulm beweist:

Das Thema sexueller Missbrauch im Sport hat in Deutschland bislang noch nicht die Aufmerksamkeit, die es haben sollte. Und nur die Hälfte der deutschen Vereine hätte sich bisher Gedanken über Prävention bei sexueller Gewalt gegen junge Sportlerinnen und Sportler gemacht, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes Wilhelm Rörig Ministerialdirigent. (Seit Dezember 2011 ist er Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.) Er dürfte also einen tiefen Einblick in die Problematik haben und hat eine spezialisierte Aufarbeitungskommission einberufen.

Kindesmissbrauch

Ihm geht es zu schleppend voran. Knapp zehn Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ist Rörig der Bundesregierung im Sport zum Kinderschutz zu wenig unternommen worden:

„Wenn 50 Prozent der Vereine in Deutschland sich bisher noch keine Gedanken über Prävention und Hilfe bei sexueller Gewalt gegen junge Sportlerinnen und Sportler gemacht haben, dann muss ich sagen, wir brauchen mehr Dynamik.“

Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat erstmals die Angaben der Betroffenen in unterschiedlichen Institutionen verglichen. Fazit: „Wir haben in Deutschland ungefähr doppelt so viele Fälle im Sport wie in der katholischen Kirche.“*)

Sexualisierte Gewalt im Sport und im Fußball hat viele Facetten. Der Sport ist natürlich das perfekte Umfeld für potenzielle Täter. Eltern sind oft sorglos und denken eher, dass ihre Kinder gut aufgehoben seien. Damit umzugehen ist für die ehrenamtlich organisierten Vereine oft eine große Aufgabe und Belastung.

Das ist offensichtlich in der breiten Öffentlichkeit noch nicht so richtig angekommen. Vor zweieinhalb Jahren gab es erstmals Zahlen zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Leistungssport. Da hatte das Team um Jörg Fegert 1800 Leistungssportlerinnen und -sportler befragt:

„Im Leistungssport waren wir schon entsetzt zu merken, dass es mehr als ein Drittel ist, die sexuelle übergriffige Dinge erlebt haben. Und wenn man es sehr eng nimmt, haben drei Prozent tatsächliche Übergriffe mit Penetration, schwerste Taten erlebt, aber es kommt natürlich ein großes Feld dazu von ungewollten Berührungen.“

Auf diese Meldungen und Daten haben Sport und Politik reagiert und Kinderschutzmaßnahmen angemahnt. Das fand zunächst wenig Gehör. Jetzt der nächste Schritt: Es geht ans Geld. Das für den Leistungssport zuständige Bundesinnenministerium hat die finanzielle Förderung des Leistungssports an die Vorlage von Präventionskonzepten geknüpft.

Laut Staatssekretär Markus Kerber heißt das für den Sport: Ansprechpartner für das Thema benennen, erweiterte Führungszeugnisse ihrer Mitarbeiter einholen und diese zum Thema schulen:

„Das heißt, keiner kann nachher dann sagen, wir haben uns mit dem Thema nie befassen können. Das muss auf allen Ebenen im organisierten deutschen Sport stattfinden. Ansonsten können wir eine Förderung ja nicht aufrechterhalten.“

(Ob und wie das Bundesinnenministerium die Umsetzung der Konzepte überprüft, konnte Kerber allerdings nicht sagen.)

Klar ist: Sport zu organisieren, schafft für Täter potenzielle Räume, in denen die sich gerne bewegen. Aber nicht die Vereine sind gefährlich, sondern bestimmte Situationen können Risiken schaffen. Man denke nur daran, dass Trainer Zugriff auf die Körper junger Menschen haben – was aber keine Pauschalverdächtigung erlaubt. Es geht um Einzelfälle! Aber die Risiken müssen erkannt und benannt werden, damit man ihnen gezielter begegnen kann.

Eine neue Studie ergab: „Athletinnen und Athleten sind durchaus in beträchtlichem Ausmaß von sexualisierter Gewalt betroffen. In einer gemeinsamen Studie des Universitätsklinikums Ulm und der Deutschen Sporthochschule Köln haben wir 1.800 Kaderathleten und -athletinnen befragt. 54 Prozent haben angegeben, sexualisierte Gewalterfahrungen innerhalb oder außerhalb des Sports gemacht zu haben. Das ist ein recht hoher Prozentsatz. 37 Prozent der Befragten gaben an, sexualisierte Gewalt im Kontext des Sports erlebt zu haben. 11 Prozent waren von schwerer, also körperlicher sexualisierter Gewalt, und/oder länger dauernden sexuellen Belästigungen im Sport betroffen. Der sportliche ist nicht immer leicht vom privaten Bereich zu trennen…“ (Bettina Ruloffs, https://www.zeit.de/sport/2017-11/sexueller-missbrauch-sport-studie)

Kinderschutzkonzepte in jedem Verein

Die einfachste Möglichkeit zur Prävention liegt auf der Hand: „Wir benötigen Kinderschutzkonzepte und -Regeln in jedem Verein. Dazu gehören Ansprechpartner, die sich intensiv zum Thema fortbilden und Regeln aufstellen etwa: Kein Trainer geht mit den Kindern duschen oder in die Umkleiden, keine Geschenke für die Kinder, immer mehrere Kinder im Auto mitnehmen, nicht eines alleine, kein Einzeltraining“, sagt ein erfahrener Trainer.

Nicht nur auf Vertrauen setzen

Sportsoziologin Bettina Rulofs forscht seit Jahren zum Thema sexueller Missbrauch. Sie empfiehlt dem Bundesinnenministerium, nicht nur auf Vertrauen zu setzen: „Ich denke, man muss nun abwarten, ob das sozusagen eine Frage der Ehre und des Glaubens und des Vertrauens bleibt, dass dies auch in den Verbänden dann umgesetzt wird oder ob das BMI vielleicht zum Beispiel stichprobenartig auch Kontrollen durchführt, um zu testen, ob die Standards, die vom BMI gesetzt werden, auch tatsächlich in den Verbänden eingehalten werden.“*)

Die Schwachstellen im Sportsystem, die sexuellen Missbrauch begünstigen, sind noch gar nicht aufgearbeitet. Da setzt die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung an. Seit Anfang Mai wendet sie sich gezielt an Betroffene aus dem Sport, bittet sie anonym ihre Geschichte zu erzählen. In den vergangenen drei Jahren hat die Kommission bereits 1.700 Berichte von Betroffenen erhalten.

*(Alle Zitate nach Dlf 12.7.19)


Dieser lesenswerte Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Peter Helmes – www.conservo.wordpress.com

 


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